Somos Cuba (DE/CU 2015)

Am Freitag war ich im Rahmen der Lateinamerikanischen Tage bei der Vorstellung des deutsch-kubanischen Dokumentarfilms Somos Cuba (an dieser Stelle vielen Dank für die freundliche Einladung seitens der Veranstalter vom Sudaca e.V.) In diesem Film dokumentiert der Kubaner Andres sein Leben in einem Armenviertel von Havanna. Herausgekommen ist ein sehr persönliches Porträt dieses Landes aus einer Perspektive, die einem als Nicht-Kubaner sonst verborgen bliebe.

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Von einem einem mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland bringt der Kubaner Andres eine Kamera mit in sein Heimatland, um sein Leben und das seiner Freunde zu dokumentieren. Von 2008 bis 2014 filmt er seinen Alltag und lässt die Aufnahmen über verschiedenste Ecken nach Deutschland schmuggeln. Aus diesem Filmmaterial hat die Regisseurin Annett Ilijew, die mit Andres seit vielen Jahren eng befreundet war, einen bewegenden Film gemacht, der ein Bild von Kuba zeichnet, das weit entfernt ist von der Romantik eines Buena Vista Social Club. Diese Authentizität und die Intimität der Aufnahmen machen den Reiz dieses Filmes aus, auch wenn (oder gerade weil?) manche Szenen nur schwer zu ertragen sind.

Von Anfang an ist der harte Realität der Armut offensichtlich. Andres wohnt in einem Haus mit Säulenportico, das wunderschön sein könnte – wenn es nicht so heruntergekommen wäre. Aber zumindest hat er einen Kühlschrank, den er mit seinem Freund und Nachbarn Chicho und dessen Frau Mercedes teilt. Chicho arbeitet ab und an in einer illegalen Straßenbaubrigade, ansonsten ist er oft bei Andres, trinkt Rum und versteckt sich vor Mercedes, die (nicht immer zu Unrecht) der Meinung ist, er würde sie schon wieder hintergehen.

Gegenüber von Andres wohnen – wenn sie nicht gerade im Gefängnis sind – der Dissident Cocorio und seine Frau Sonia. Wenn er nicht vom Dach seines Hauses gegen die Regierung protestiert (wie auf diesem Video zu sehen ist), bäckt Cocorio Schmalzkringel, die im Viertel reißenden Absatz finden. Doch nicht alle teilen Cocorios Ansichten, vor allem nicht Andres‘ kleine Tochter Leydis. Für sie ist Fidel Castro ein Held, der nur Gutes zu verantworten hat, und darüber streitet sie auch beherzt mit ihrem Vater. Leydis, die im Film eine zentrale Rolle einnimmt, sorgt mit ihrer kindlichen Naivität oft für herzerwärmende und erheiternde Momente, die gleichzeitig eine besondere Tragik innehaben. Der Kontrast zwischen staatlicher Indoktrination und unausweichlicher Armut ist erschütternd.

Und die Armut ist groß. Es reicht nicht für einen neuen Scheuerlappen, und manchmal nicht einmal fürs Essen. Dann machen sich Andres und seine Freunde auf den Weg zum Strand, um von den Göttern zu stehlen. Denn am Strand bringen viele Kubaner den Orishas, den Gottheiten der kubanischen Religion Santería, Opfergaben dar – und ein Opfer-Huhn ist allemal besser als gar nichts zu essen.

Aus einer wortwörtlichen „Schnapsidee“ (O-Ton der Regisseurin Annett Ilijew) während des Deutschlandaufenthaltes von Andres ist ein beeindruckendes Zeitdokument geworden. Andres‘ schonungslose Darstellung seiner Realität bewegt und regt zum Nachdenken an, aber bietet dabei auch genug Gelegenheiten zum Lächeln und Schmunzeln. Toller Film!

Vince

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