DOK Leipzig 2017: When the Bull Cried (BE/BO 2017)

DOK Leipzig 2017: Ticket "When the Bull Cried"

Meine letzter lateinamerikanischer Film beim diesjährigen DOK Leipzig war die belgisch-bolivianische Ko-Produktion When the Bull Cried, die im Rahmen des Internationalen Wettbewerbs gezeigt wurde. Dieser sowohl visuell als auch inhaltlich beeindruckende Film nimmt uns mit in ein kleines Bergarbeiter-Dorf in den bolivianischen Anden. Inmitten der atemberaubend schönen Natur der Anden führen die Einwohner ein karges Leben. Abseits der gefährlichen Arbeit in der Zinn-Mine gibt es keine Perspektiven, und so ist ihr Leben geprägt von Alkohol, Koka und Aberglauben.

Zunächst wurde in dieser Vorstellung jedoch der sehenswerte Kurzfilm Schildkröten Panzer gezeigt, der im Rahmen des deutschen Wettbewerbs lief und am Ende des Festivals mit dem Healthy Workplaces Film Award ausgezeichnet wurde.

Schildkröten Panzer (Deutschland 2017)

Der 3o Minuten lange Kurzfilm des jungen Münchner Regisseurs Tuna Kaptan spielt an einem Ort, von dem ich gar nicht wusste, dass er existiert: in einer Auffangstation für Reptilien, die von den deutschen Sicherheitsbehörden konfisziert wurden. Dieses ungewohnte Setting nutzt Tuna Kaptan, um einige der zentralen Themen unserer Zeit zu thematisieren: die Konflikte in Afghanistan, Syrien und Mali.

Im Zentrum stehen die Geschichten der Syrerin Kinda und des Deutschen Ben, zweier Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise von diesen Konflikten betroffen sind. Kinda ist aus Syrien geflohen, nachdem ihr Mann bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist. Die ganze Zeit war die Schildkröte Ayshe mit dabei, die Kinda sehr viel bedeutet. Doch nachdem sie es bis nach Deutschland geschafft hatten, landete Kinda in einer Sammelunterkunft für Geflüchtete und Ayshe in der Auffangstation für Reptilien. Es ist herzerwärmend zu sehen, wie sehr sich Kinda freut, als sie Ayshe in der Auffangstation wieder in die Hand nehmen kann. Doch so gerne Stations-Leiter Martin Baur auch möchte, er kann Kinda ihr Haustier nicht wiedergeben. Beim Artenschutzgesetz gibt es keine Ausnahmen.

Ben ist aus einem anderen Grund in der Auffangsstation gelandet. Er ist Bundeswehrsoldat und wird bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr immer wieder mit gefährlichen Reptilien konfrontiert wird, lernt er hier den richtigen Umgang mit ihnen. Dies führt auch zu erheiternden Szenen: Als die Soldaten üben, eine wütende Monokelkobra einzufangen, möchten einige von ihnen am liebsten den Workshop abbrechen. Aus dem Nebeneinander der grundverschiedenen Geschichten von Kinda und Ben im surrealen Ambiente der Auffangstation ist mit Schildkröten Panzer ein wirklich toller Film entstanden. Unbedingt ansehen, wenn es mal die Gelegenheit gibt!

When the Bull Cried (Belgien/Bolivien 2017)

Nach dem hervorragenden Vorfilm war meine Erwartungshaltung den folgenden Film natürlich hoch, aber ich wurde nicht enttäuscht. Mit When the Bull Cried zeichnen die Mexikanerin Karen Vázquez Guadarrama und der Belgier Bart Goossens, die gemeinsam Regie geführt haben, ein faszinierendes Bild des Lebens in einer kleinen Bergbausiedlung, hoch in den bolivianischen Anden.

Das Leben der Menschen dort ist hart, die Natur wunderschön, aber karg. Alle Bewohner des Dorfes leben von der Mine, in der sie als Bergbau-Kooperative Zinn abbauen. Die Männer im Schacht versuchen dem Berg mit Dynamit seine Schätze zu entreißen, die Frauen an der Oberfläche durchsuchen den Abraum nach Resten von Erz. Das Überleben der Dorfbewohner hängt an der Gunst von El Tío, dem „Herren der Unterwelt“. Er allein bestimmt, wieviel Zinn der Berg gibt, und so versuchen die Bergleute sich sein Wohlwollen mit Opfergaben zu erkaufen. Regelmäßig bringen sie ihm in der Mine Alkohol und Kokablätter dar, und ab und an werden ihm im Dorf Tiere geopfert. Doch oft ist das nicht genug, immer wieder sterben Bergarbeiter bei Unfällen mit Dynamit. When the Bull Cried begleitet eine der Frauen des Dorfes, deren Ehemann ist bei einem dieser Unglücke gestorben ist. Um ihre Kinder zu ernähren, sitzt sie Tag für Tag am Hang des Berges und zerschlägt Felsbrocken, in der Hoffnung noch Zinn zu finden. Doch sie will auch nicht weg, sie hat ja alles, was sie braucht – ganz im Gegensatz zu einem ihrer Söhne. Der Teenager wünscht sich nichts sehnlicher, als irgendwann einmal Profi-Tänzer zu werden.

Durch die Kombination von großartigen Bildern – besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die nächtliche Kolonne von Bergarbeitern mit Grubenlampen und der nebelbedeckte Friedhof – und intimen Alltags-Aufnahmen gelingt es When the Bull Cried durchweg, dem Zuschauer ein Gefühl für diesen unwirklich wirkenden Ort und die Lebenswelt seiner Bewohner zu vermitteln. Doch die eindrücklichsten Szenen kommen zum Schluss: das Stieropfer-Ritual, das auch für den Namen des Films Pate stand. Zu Ehren von El Tío und Pachamama wird einem Opferstier das noch schlagende Herz herausgeschnitten und ins Feuer geworfen. Je länger das Herz noch schlägt, desto mehr Zinn wird der Berg im nächsten Jahr preisgeben. Dieses grausame Ritual ist in ausgesprochen eindrucksvollen Aufnahmen festgehalten, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden.

In Deutschland kann der Film bei Vimeo on demand oder direkt von der Produktionsfirma gestreamt werden. Es lohnt sicht!

Vince

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