DOK Leipzig 2017: The Mermaid’s Kingdom (MX 2017)

DOK Leipzig 2017: Ticket "The Mermaid's Kingdom"

Als meinen persönlichen Auftakt zum diesjährigen Dokumentarfilmfestival habe ich den Reformationstag gut genutzt. Ich konnte direkt zwei lateinamerikanischer Filme von meiner DOK Leipzig 2017 Bucketlist streichen: die mexikanische Produktion The Mermaid’s Kingdom und The Centaur’s Nostalgia aus Argentinien. In meinem ersten Post zum Thema will ich nun meine Eindrücke aus der Vorstellung von The Mermaid’s Kingdom schildern, einem Film über das harte Leben in einem Fischerdorf in Nicaragua schildern.

Wie immer beim DOK Leipzig bestanden die Vorstellungen aus jeweils zwei Filmen, einem Kurzfilm zum Einstieg und dem Langfilm als folgendes Hauptereignis. Auch wenn die Kurzfilme nicht zwangsläufig lateinamerikanischen Filme waren, werde ich diese hier ebenfalls vorstellen. Sehenswert sind sie allemal.

Drift (USA 2016)

Vor The Mermaid’s Kingdom wurde der Kurzfilm Drift aus den USA gezeigt. Im Mittelpunkt des Films steht Tom Ward. Er war einer der 12 Männer, die 1973 per Floß den Pazifik überquerten. 179 Tage auf See, 14.000 zurückgelegte Kilometer von Ecuador bis Australien – bis heute hält die Expedition den Rekord für die längste Strecke, die je per Floß zurückgelegt wurde.

Aber darum geht es in dem Film nur am Rande. Das eigentliche Thema ist der heutige Tom Ward, nicht der Abenteurer von damals. Dieser lebt sehr zurückgezogen in einem Dorf in den USA und ist selbst für seine Familie an vielen Stellen ein Rätsel. Der Kurzfilm ist ein Porträt dieses Mannes – und der Versuch von Regisseur Chris Ward, seinen Vater endlich näher kennenzulernen.

P.S.: Wer sich für die Expedition interessiert: Auf der Website von CNN findet man die Erinnerungen eines weiteren Crewmitglieds.

The Mermaid’s Kingdom (Mexiko 2017)

Im Hauptfilm des Abends, dem mexikanischen The Mermaid’s Kingdom, nimmt uns Regisseur Luis Rincon mit in die Welt der Miskitos, der Ureinwohner Nicaraguas. Der Film dokumentiert das harte Leben der Menschen in einem kleinen Fischerdorf an der Atlantikküste. Viele der Einwohner bestreiten ihren Lebensunterhalt als Taucher und jagen Hummer. Doch immer wieder kommen Taucher gelähmt von ihren Tauchgängen zurück. Aus unserer westlichen Sichtweise scheint der Grund klar: sie sind zu schnell aufgetaucht, die berüchtigte Taucherkrankheit hat wieder zugeschlagen. Doch die Miskitos haben eine andere Erklärung: eine Meerjungfrau muss von den Betroffenen Besitz ergriffen haben. In ihrer Mythologie leben diese am Meeresgrund, veranstalten große Bankette – und ziehen Taucher mit herab, die es bei der Jagd übertrieben haben.

Im Zentrum des Films stehen vor Allem zwei Personen: ein Taucher, der seit einem Tauchunfall im Rollstuhl sitzt, und sein Cousin (Spitzname: „Der Kolumbianer“), der sich gegen das Leben als Taucher entschieden hat, dafür aber regelmäßig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist. Vor allem letzterer fällt im Verlauf des Films immer wieder durch ausgesprochen klare Analysen der Lebenswelt der Dorfeinwohner auf und zeigt damit eindrücklich, wie sehr der Zufall die eigenen Möglichkeiten bestimmt. Wäre er nicht in einem Dorf geboren worden, wo es kaum Perspektiven abseits von Taucher-Dasein und Drogenhandel gibt, hätte er mit Sicherheit einen ganz anderen Weg Weg gehen können.

Zwar schafft es der Film gut, uns das von Armut und Gewalt geprägte Leben der Dorfbewohner nahezubringen, doch habe ich zum Teil einen roten Faden vermisst. Eine der eindrücklichsten Szenen, die Bilder einer Schlägerei, bei der man fast schon erwartet, dass sie im Mord endet, wird kommentarlos zwischen Unterwasseraufnahmen und Interviews gestellt. Die Intention des Regisseurs, die harte Realität des Ortes in all ihren Facetten zu dokumentieren, ist mir erst im Verlauf der Q&A-Session nach Ende des Films klar geworden. Dennoch ist der Film sehenswert.

Ein besonderes Schmankerl für mich als Sprachwissenschaftler waren die Szenen, in denen in der Sprache der Miskitos die Mythen über den Gott Wan Aisa und die Meerjungfrauen zitiert wurden.

P.S.: Zur Thematik der Meerjungfrauen und der Hummer-Taucher ist 2012 im Verlag der University of New Mexico eine wissenschaftliche Abhandlung erschienen.

Vince

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