DOK Leipzig 2017: Body of Crime (BR 2017)

DOK Leipzig 2017: Ticket "Body of Crime"

Der dritte Film in meinem DOK Leipzig Marathon war Body of Crime aus Brasilien. Dieser beeindruckende Film dokumentiert das Leben von Ivan aus der Favela Dos Índios in Fortaleza im Norden Brasiliens. Ivan wurde nach 8 Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen, aber er steht unter Hausarrest und muss eine elektronische Fußfessel tragen. Die Ambivalenz dieser Situation macht Ivan schwer zu schaffen. Einerseits spürt er einen Hauch von Freiheit, aber andererseits ist er nach wie vor gefangen – und kommt immer wieder in Versuchung, den Hausarrest zu ignorieren.

Als Vorfilm lief diesmal der 5-minütige Stop-Motion-Film Hadarim des israelischen Regisseurs Shlomi Yosef. Da er keine Erlaubnis bekam, im Rahmen eines echten Dokumentarfilms auch Schüler zu filmen, nähert er sich dem Thema auf eine surreale andere Weise.

Body of Crime (Brasilien 2017)

Mit Body of Crime, der im Rahmen des DOK Leipzig 2017 für den Young Eyes Film Award nominiert ist, hat der Brasilianer Pedro Rocha einen bewegenden Film gedreht, der wichtige soziale Probleme thematisiert.

Auch wenn er nach 8 Jahren Haft unter keinen Umständen zurück ins Gefängnis möchte, kann Ivan sich nicht mit den Bedingungen des Hausarrests abfinden. Nie kann er mit seinen Freunden auf eine Party oder am Strand Fußball spielen gehen. Er ist tagein tagaus mit seiner Frau Gleice und seiner kleinen Tochter Glenda in einer winzigen Wohnung in der Favela gefangen. Aus Langeweile gerät er in Versuchung, die Fußfessel einfach zu entfernen. Zwei Jungs aus seinem Viertel haben das schon gemacht. Einer der beiden lebt seitdem auf der Flucht, der andere ist wieder im Gefängnis.

Durch die intimen Aufnahmen des Alltags von Ivan, seiner Familie und seinen Freunden schafft es der Film, dass man als Zuschauer die Enge der Favela geradezu am eigenen Leib spürt. Mehr und mehr wird eine Beziehung zu den Protagonisten aufgebaut. Als klarer wird, dass Ivan es nicht schaffen wird, sich an den Hausarrest zu halten, fängt man an, immer stärker mitzufiebern. Man hofft, dass alles gut geht, doch das schlechte Ende scheint unausweichlich. Denn Empathie oder Verständnis kann Ivan von den Richtern und Sozialarbeitern nicht erwarten – das hat sich schon früh im Film gezeigt.

Sehr interessant war auch bei diesem Screening die Q&A-Session am Schluss. Denn manche Hintergründe erschließen sich dem internationalen Publikum vielleicht weniger direkt. Die in den Favelas allgegenwärtige Gewalt, die in Body of Crime auch kurz anklingt als man einen Freund Ivans mit einer Schussverletzung sieht, kennt man aus Spielfilmen wie City of God oder Tropa de Elite. Was ich aber nicht auf dem Schirm hatte, waren die Korruptionsskandale, die Brasilien in den letzten Jahren plagen. Viele der wegen Korruption verurteilten Spitzen-Politiker stehen unter Hausarrest. Doch ist das natürlich mit wesentlich weniger Einschränkungen verbunden, wenn man eine große Villa sein zuhause nennen kann. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Film natürlich eine ganz andere politische Dimension.

Da eine Veröffentlichung in den brasilianischen Kinos geplant ist, steht zu hoffen, dass er irgendwann auch bei uns außerhalb der Filmfestivals zu sehen ist. Ich kann das nur empfehlen.

Vince

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.