Mario Vargas Llosa, Wer hat Palomino Molero umgebracht?

Buchumschlag: Mario Vargas Llosa, Wer hat Palomino Molero umgebracht? (Suhrkamp Taschenbuch 1990)

Wer hat Palomino Molero umgebracht? ist der erste Kriminalroman von Mario Vargas Llosa, einem der großen Romanciers der lateinamerikanischen Literatur. Der Nobelpreisträger hat dabei einen Roman vorgelegt, der einerseits als spannende Detektivgeschichte funktioniert, andererseits aber auch über ein reines Genrestück hinausgeht. Wie so oft in seinem Werk thematisiert Vargas Llosa anhand der Geschichte um den ermordeten Soldaten Palomino Molero die Ungleichheit in der peruanischen Gesellschaft.

Zum Inhalt

In der nordperuanischen Hafenstadt Talara wird von einem Ziegenhirten die Leiche des jungen Soldaten Palomino Molero entdeckt. Schnell wird klar, dass es mit dem Mord eine besondere Bewandtnis haben muss. Palomino Molero wurde vor seinem Tod auch schwer misshandelt und seine Leiche demonstrativ platziert.

„Man hatte den Jungen an dem alten Johannisbrotbaum zugleich erhängt und aufgespießt, in einer derart grotesken Position, daß er eher einer Vogelscheuche oder einer aus dem Leim gegangenen Karnevalsfigur glich als einer Leiche.“

Mario Vargas Llosa, Wer hat Palomino Molero umgebracht? (Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch 1990) S. 9.

Leutnant Silva und der Gendarm Lituma nehmen die Ermittlungen auf, die sie alsbald ins Milieu der peruanischen Luftwaffe führen. Denn der begnadete Sänger Palomino Molero soll einer Frau auf der Basis in Piura den Hof gemacht haben, bevor er sich überraschend selbst zur Luftwaffe meldete. Eifersucht liegt damit als Motiv für den grausamen Mord auf der Hand, doch die Offiziere der Luftwaffe scheinen wenig Interesse daran zu haben, die örtliche Polizei bei den Ermittlungen zu unterstützen.

Der etwas naive Erzähler Lituma ist schwer beeindruckt von den Fähigkeiten seines Vorgesetzten Leutnant Silva. Denn immer wieder ist dieser in der Lage, seinem Gegenüber trotz allem Widerwillen wichtige Informationen zu entlocken. Und so beginnt sich – beschleunigt durch einen anonymen Hinweis – bald ein Bild der Ereignisse zu entwickeln, die dem Mord vorangegangen waren. Doch je näher die beiden des Rätsels Lösung kommen, desto widersprüchlicher werden die verschiedenen Aussagen. Wer sagt die Wahrheit? Und wer lügt?

Meine Gedanken zum Buch

Mario Vargas Llosa besticht durch die Klarheit seiner Sprache und seine Fähigkeit, der Geschichte durch im Grunde irrelevante Details Leben einzuhauchen – sei es Leutnant Silvas Schwärmerei für die beleibte Wirtin Doña Adriana, die Lituma immer wieder irritiert zurücklässt, oder die Beschreibung eines improvisierten Kinos an der Rückwand einer Kirche.

„Die weiße Mauer diente dem Wanderkino von Señor Teotonio Calle Frías als Leinwand. Ein Kino ohne Dach noch Sitze, im Naturzustand. Die Besucher, die den Film im Sitzen sehen wollten, mußten ihre eigenen Stühle mitbringen. Aber die Mehrheit der Bewohner von Talara hockte sich hin oder legte sich auf die Erde.“

Mario Vargas Llosa, Wer hat Palomino Molero umgebracht? (Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch 1990) S. 134.

Wer hat Palomino Molero umgebracht? ist mehr als nur ein schnöde Detektivgeschichte. Vielmehr nutzt Vargas Llosa – wie auch in vielen seiner anderen Werke – das Format des Kriminalromans als Vehikel für seine Analyse und Kritik der peruanischen Gesellschaft mit ihren Ungerechtigkeiten. Deutlich kontrastiert er die Stellung der privilegierten weißen Oberschicht mit derjenigen der Cholos, der ländlichen Bevölkerung Perus mit indigenen Wurzeln, zu der sowohl der ermordete Palomino Molero als auch der Erzähler Lituma gehören.

Ein einziger kleiner Kritikpunkt ist für mich die Übersetzung der umgangssprachlich geschriebenen Dialoge. Diese kommt oft etwas ungelenk und anachronistisch daher. Ähnliches war mir auch schon bei meiner Lektüre von Mario Vargas Llosas Die Stadt und die Hunde aufgefallen (das ich sicherlich auch bald an dieser Stelle besprechen werde). Allerdings ist das Übersetzen von Umgangssprache und Slang generell eine nur schwer zu bewerkstelligende Aufgabe, die durch den raschen Sprachwandel in diesen Registern Anachronismen beinahe unumgänglich macht.

Den Gesamteindruck trübt dies ohnehin nur wenig. Ich habe diesen Roman mit viel Genuss gelesen und kann ihn aus vollem Herzen empfehlen.

  • Zum Autor

    Der Peruaner Mario Vargas Llosa ist einer der zentralen Protagonisten der „Boom“-Periode und einer der wichtigsten lateinamerikanischen Autoren überhaupt. Bereits mit seinem Debütroman Die Stadt und die Hunde (1963) erregte er weltweites Aufsehen (und löste in Peru eine Kontroverse aus). Daneben zählen Das grüne Haus (1965), Gespräch in der Kathedrale (1969) und Der Geschichtenerzähler (1987) zu seinen wichtigsten Werken. 1995 wurde er mit dem Cervantes-Preis, dem wichtigsten Literaturpreis der spanisch-sprachigen Welt, und 2010 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

  • Bibliographisches

    Im Original 1986 als ¿Quién mató a Palomino Molero? veröffentlicht, die deutsche Übersetzung von Elke Wehr erschien erstmalig im Jahr 1988.

    Mario Vargas Llosa
    Wer hat Palomino Molero umgebracht?
    Aus dem Spanischen von Elke Wehr
    suhrkamp taschenbuch 1786, Taschenbuch, 202 Seiten
    ISBN: 978-3-518-38286-8
    Erschienen: 29.10.1990
    EUR 10,00

    Nähere Informationen zu dieser Ausgabe gibt es auf der Website des Suhrkamp Verlags.

Vince

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