Juan Carlos Onetti, Das kurze Leben

Buchumschlag: Juan Carlos Onetti, Das kurze Leben (Suhrkamp Taschenbuch 2017)

Nach dem Feiertagstrubel und den ersten Wochen des neuen Jahres melde ich mich endlich hier zurück (und werde ab jetzt auch wieder regelmäßiger posten *versprochen*), und zwar mit einem absoluten Klassiker der lateinamerikanischen Literatur: Das kurze Leben von Juan Carlos Onetti. Der düstere Roman, der oft als Onettis Hauptwerk betrachtet wird, erzählt die Geschichte des erfolglosen Werbetexters Juan María Brausen, der die fiktive Stadt Santa María erfindet, um seinem trostlosen Leben zu entfliehen.

Zum Inhalt

Juan María Brausen ist am Ende. Seine Ehe ist nach der Brustkrebsoperation seiner Frau Gertrudis – der einzigen Frau, die ihn je verführt hat – im Begriff zu scheitern, und von seinem Kollegen und Freund Julio Stein hört er, dass seine Entlassung kurz bevor stehe.

„Und man entdeckt, daß das Leben schon seit vielen Jahren aus Missverständnissen besteht. Gertrudis, meine Arbeit, meine Freundschaft mit Stein, das Gefühl, das ich von mir selbst habe –, Missverständnisse. Abgesehen davon, nichts;“

Juan Carlos Onetti, Das kurze Leben (München: Lizenzausgabe für die Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2004) S. 59.

Seines eigenen Lebens überdrüssig, beginnt er, sich in das Leben Anderer zu flüchten. Gebannt lauscht er den Gesprächsfetzen, die aus der Wohnung seiner Nachbarin, der Prostituierten Queca, zu ihm hinüberdringen, und begibt sich damit in eine Welt, die ihn weit mehr fasziniert als seine eigene. Queca und ihre diversen Liebhaber werden zu Brausens Obsession.

Außerdem hat er – vermittelt von Julio Stein – den Auftrag erhalten, ein Drehbuch zu verfassen, und so beginnt Brausen zu schreiben. Alles beginnt in der Praxis des Arztes Díaz Grey in der Kleinstadt Santa María am anderen Ufer des Río de la Plata in Uruguay. Fast wie im Film Noir betritt eines Tages die hübsche Elena Sala die Praxis, um sich untersuchen zu lassen. Díaz Grey verfällt ihr sofort und beginnt sie (und später auch ihren Ehemann) mit Morphin zu versorgen – dem eigentlichen Zweck ihres Besuchs. Schnell wird klar, dass Díaz Grey und das Leben in Santa María, das Brausen für ihn erschafft, genauso zu Brausens Identität und Realität gehören wie dessen eigenes trostloses Leben in Buenos Aires.

Im Verlauf des Romans werden die drei Handlungsstränge im Wechsel verfolgt: Brausens lustlose Unternehmungen mit seinem Freund Julio Stein, die Erlebnisse von Díaz Grey und Elena Sala in Santa María und das Leben von Queca und ihren Liebhabern. Im zweiten Teil des Buches beginnt Brausen unter dem Pseudonym Juan María Arcen auch mit Queca zu interagieren, wird einer ihrer Liebhaber und  zunehmend gewalttätig – allerdings bleibt unklar, ob sich dies in der Realität oder nur in Brausens Imagination abspielt. Den Trost, den er sucht, findet Brausen in keiner dieser drei Welten.

„Mittlerweile arbeitet ich kaum mehr und existierte nur noch: Ich war Arce während der regelmäßigen Saufereien mit der Queca, während des wachsenden Vergnügens sie zu schlagen, während des Staunens, daß es mir leicht fiel und ein Bedürfnis war; ich war Díaz Grey, ich schrieb über ihn und dachte über ihn nach, erstaunt über meine Macht und den Reichtum des Lebens.“

Juan Carlos Onetti, Das kurze Leben (München: Lizenzausgabe für die Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2004) S. 167.

Meine Gedanken zum Buch

Bei aller literarischen Qualität, leichte Kost ist Das kurze Leben nicht. Die drei (nicht immer klar getrennten) Erzählstränge, die durchsetzt sind mit inneren Monologen Brausens, und das Verwischen der Grenzen zwischen Realität und Imagination verlangen dem Leser ein großes Maß an Aufmerksamkeit ab. Die trostlose, desillusionierte Weltsicht Brausens, der auch einem Roman von Michel Houellebecq entsprungen sein könnte, ist emotional strapaziös.

Doch das Lesen lohnt. Die Trostlosigkeit – so anstrengend sie auch sein mag – bringt immer wieder erhellende philosophische Einsichten zu Tage – für mich am eindrucksvollsten in der Rede des Bischofs über die Natur der Verzweifelten. Und die komplexe Struktur ist schon durch ihre Kunstfertigkeit ein wahres Vergnügen – gerade das Verhältnis zwischen Brausen und Díaz Grey, das auch als Metakommentar zur Tätigkeit des Schriftstellers funktioniert, weiß zu begeistern.

(Notiz am Rande: Der lesenswerte Roman Das schwarze Buch des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk ist strukturell ganz ähnlich aufgebaut. Auch dort verschwimmen die Grenzen der Identität des Protagonisten und seiner Realität, wann immer er die Kolumnen seines verschwundenen Onkels liest.)

  • Zum Autor

    Der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti (1909–1994) gilt als einer der wichtigsten Vorreiter der literarischen Moderne in Lateinamerika. Obgleich Größen wie Mario Vargas Llosa und Julio Cortázar sein Werk in höchsten Tönen lobten, wurde ihm erst im hohen Alter eine breitere Anerkennung zuteil. Den in Das kurze Leben (1950) begonnen Santa-María-Zyklus hat er unter anderem in den Romanen Die Werft (1961) und Leichensammler (1964) weitergeführt. Sein Debüt-Roman Der Schacht (1939) ist einer der seltenen Vertreter des Existenzialismus in der latein-amerikanischen Literatur.

  • Bibliographisches

    Im Original 1950 als La vida breve veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Curt Meyer-Clason erschien erstmalig 1978. In Band 2 der Onetti-Gesamtausgabe ist seit 2007 eine von Jürgen Dormagen und Gerhard Poppenberg überarbeitete Fassung der Übersetzung erhältlich.

    Juan Carlos Onetti
    Das kurze Leben
    suhrkamp taschenbuch 4849, Taschenbuch, 406 Seiten
    ISBN: 978-3-518-46849-4
    Erschienen: 18.09.2017
    EUR 16,00

    Nähere Informationen zu dieser Ausgabe gibt es auf der Website des Suhrkamp Verlags.

Vince

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