Juan Pablo Villalobos, Fiesta in der Räuberhöhle

Die lateinamerikanische Literatur bietet weit mehr als nur die (hervorragenden) Klassiker von Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa oder Carlos Fuentes. Auch die jungen Autoren aus Lateinamerika sind ausgesprochen innovativ und lesenswert. Dies beweist Juan Pablo Villalobos eindrucksvoll mit seinem Debütroman Fiesta in der Räuberhöhle. Darin verbindet er virtuos zwei Themen, die auf den ersten Blick so gar nicht kompatibel erscheinen: den Drogenkrieg in seiner mexikanischen Heimat und die Lebenswelt eines Kindes.

Zum Inhalt: Ein Junge in der Welt der Drogenbosse

Tochtli ist ein ganz normaler kleiner Junge, wie viele andere auch. Er kann schon eine Menge schwere Wörter – wie „tadellos“, „pathetisch“ oder „fulminant“ –, sammelt Hüte – besonders gern Dreispitze, denn die Franzosen haben die Guillotine erfunden – und hat nur einen großen Wunsch, sein eigenes liberianisches Zwergflusspferd. Und er hat ein Leben, von dem die meisten anderen Jungen seines Alters wohl träumen: er lebt in einem Palast, hat Tiger als Haustiere und muss nie zur Schule gehen. Doch für Tochtli ist dieses Leben mehr Alp- als Traum, denn es bedeutet auch, dass er nur dreizehn oder vierzehn Menschen kennt. Ganz genau weiß er das nicht, denn es könnte sein, dass einer davon schon eine Leiche ist. Und Leichen sind ja keine Menschen mehr.

Tochtli ist der Sohn eines mexikanischen Drogenbosses und seine einzigen anderen Bezugspersonen sind dessen zwei Leibwächter. Und so traumhaft exotische Haustiere, die neueste Playstation und eine Vielzahl stilvoller Hüte – gerade für Tochtli als stolzen Macho – auch sein mögen, können sie doch nicht über die Tristess und Langeweile seines abgeschottenen Alltags hinwegtäuschen. Jeder Tag ist wie der andere: nach dem Frühstück unterrichtet ihn Mazatzin – einer der Leibwächter seines Vaters und ein verhinderter Schriftsteller – für ein paar Stunden, dann spielt er Playstation, isst zu Mittag und macht Hausaufgaben. Vor dem Einschlafen liest er noch im Wörterbuch, um neue schwere Wörter zu erlernen. Den Palast verlässt er selten bis nie.

Meine Gedanken zum Buch

Juan Pablo Villalobos‘ Debütroman (im Original erschienen 2010), vom Umfang her mit knapp 70 Seiten selbst für eine Novelle kurz gehalten, beleuchtet eine in Mexiko allgegenwärtige Thematik – den Drogenhandel mit all seiner Gewalt und Korruption – aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Denn die kindliche Naivität, mit der Tochtli seinen Alltag beschreibt, offenbart um so eindrücklicher die dunklen Seiten seiner Realität. Sei es bei der kindlich ahnungslosen Darstellung der Prostituierten, die mal mehr, mal weniger die Mutterrolle einnehmen, oder bei der bitteren Erkenntnis, dass sein Vater ihn belügt. Wie sehr Gewalt und Korruption seinen Alltag bestimmen und für ihn zur Normalität geworden sind, ohne dass er dies überhaupt begreifen könnte, wird ein ums andere Mal erschreckend deutlich. Mit seinem Vater spielt er eine Ratespiel, an welcher Stelle im Körper Pistolenschüsse besonderen Schaden anrichten. Und die Pointe eines Witzes, in dem FBI, KGB und die mexikanische Polizei darum wetteifern, wer zuerst ein rosa Kaninchen im Wald finden könne, begeistert ihn nicht so sehr wegen des Humors, sondern weil er darin die Realität wiedererkennt: die mexikanischen Polizisten malen einfach ein Nilpferd rosa an und bringen es dazu, zu behaupten, es wäre ein Kaninchen.

Ich kann diesen so erfrischenden wie aufwühlenden Roman nur empfehlen.

  • Zum Autor

    Der Mexikaner Juan Pablo Villalobos (*1973) studierte Marketing und Literatur und lebt mittlerweile in Barcelona. Mit seinem Debütroman Fiesta in der Räuberhöhle schaffte er es 2011 auf die Shortlist des Guardian First Book Awards. In deutscher Übersetzung sind außerdem noch seine Romane Quesadillas (2014) und Ich verkaufe dir einen Hund (2016) erschienen, beide ebenfalls im Berenberg Verlag.

  • Bibliographisches

    Im spanischen Original 2010 als Fiesta en la Madriguera veröffentlicht.

    Juan Pablo Villalobos
    Fiesta in der Räuberhöhle
    Aus dem Spanischen von Carsten Regling
    80 Seiten · Halbleinen · fadengeheftet · 164 x 228 mm
    Frühjahr 2011
    ISBN 978-3-937834-45-0
    EUR 19,00

    Nähere Informationen zum Buch gibt es auf der Website des Berenberg Verlags.

Vince

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