Carlos Fuentes, Aura

Buchumschlag: Carlos Fuentes, Aura. Novelle & Essay (Fischer Taschenbuch 1999)

Ich war die letzten Wochen etwas schreibfaul, aber heute möchte ich endlich mal wieder etwas posten. Und zwar habe ich vor kurzem Aura von Carlos Fuentes gelesen. Darin erzählt Fuentes die Geschichte des jungen Historikers Felipe Montero, der in den Bann einer alten Witwe und ihrer jungen Nichte gerät. Die surreale Novelle, erschienen im Jahr 1962, steht fest in der Tradition der phantastischen Literatur Lateinamerikas und erinnert an Werke von Julio Cortázar oder Juan Rulfo.

Zum Inhalt: Eine rätselhafte Annonce, ein dunkles Herrenhaus und eine sonderbare alte Dame

Alles beginnt mit einer Annonce in der Zeitung. Gesucht wird ein junger Historiker mit guten Französischkenntnissen für Sekretärstätigkeiten. Die Bezahlung ist außerordentlich gut, die Anzeige wie auf Felipe Montero zugeschnitten. Doch Montero ist skeptisch, alles wirkt zu perfekt, zu exakt auf ihn abgestimmt  – auf ihn, der an der Sorbonne studiert hat und sich nun für einen Hungerlohn als Hilfslehrer an einer Privatschule durchschlägt. Nach einigem Zögern entschließt er sich, auf die Anzeige zu reagieren, und stellt sich im Haus der alten Witwe Señora Consuelo vor. Die erste Begegnung bestätigt das unheimliche Gefühl, das Felipe Montero schon beim Lesen der Anzeige ergriffen hatte.

Das Haus der Witwe ist stockfinster. Mit brüchiger Stimme dirigiert sie den jungen Historiker durchs Dunkel zu ihrem spärlich beleuchteten Zimmer und erläutert ihm die Aufgabe. Er soll die Memoiren ihres vor Jahrzehnten verstorbenen Gatten, General Llorente, sichten und für eine baldige Veröffentlichung vervollständigen. Unumgängliche Bedingung für die Anstellung ist aber, dass Felipe Montero währenddessen im Haus der Witwe lebt, denn die Zeit drängt. Da der Job gut bezahlt ist, vor allem aber wegen Señora Consuelos hübscher Nichte Aura, die er während des Gesprächs kurz zu Gesicht bekommen hat, nimmt Felipe Montero die Stellung an.

„Du erblickst sie und sagst dir, daß dies nicht wahr ist, daß diese schönen grünen Augen genau allen anderen schönen grünen Augen gleichen, die du gekannt hast oder noch kennen wirst. Aber du täuschst dich nicht, diese Augen fluten und verändern sich, als böten sie dir eine Landschaft, die nur du erraten und begehren kannst. »Ja, ich werde bei Ihnen bleiben.« “

Carlos Fuentes, Aura (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1999) S. 19f.

Montero nimmt die Arbeit auf, sein Verlangen wird stärker und er beginnt Aura zu verführen. Doch je mehr Zeit er im Haushalt der beiden Frauen verbringt, desto unheimlicher wird ihm die Beziehung zwischen den beiden, und er beschließt, Aura aus dem Bann der Alten zu erretten.

Meine Gedanken zum Buch

Aura ist eine nette phantastische Erzählung für zwischendurch (die 50 Seiten sind problemlos in 1-2 Stunden zu bewältigen, ideal für eine kurze Auszeit während der Feiertage). Fuentes‘ literarischer Kniff, den Erzähler in der zweiten Person sprechen zu lassen, versetzt den Leser in die Rolle des Protagonisten Felipe Montero und verstärkt die unheimliche Stimmung deutlich. Kluger Schachzug! (Bei mir kam dann natürlich auch noch mein persönlicher Bezug zu Felipe Monteros Situation dazu: junger Historiker, in prekären Verhältnissen auf Job-Suche – kenne ich irgendwoher.)

Wie schon erwähnt, steht Aura fest in der Tradition der phantastischen Literatur Lateinamerikas, und so kamen bei mir während der Lektüre Assoziationen zu diversen anderen Büchern auf. Ein unheimliches dunkles Haus als Setting findet man auch in Roberto Bolaños Lumpenroman oder Carlos Fuentes‘ späterer Kurzgeschichte In guter Gesellschaft, die aufgeworfenen Fragen bezüglich der Linearität der Zeit und der Identität der Charaktere erinnern an Julio Cortazars Die geheimen Waffen oder Juan Rulfos Pedro Páramo.

Die Fischer-Taschenbuch-Ausgabe erhält außerdem noch den gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1988, in dem Carlos Fuentes über die Entstehungsgeschichte von Aura sinniert. Auch wenn ich an manchen Stellen eine gewisse Kohärenz vermisst habe, ist auch der Essay durchaus lesenswert und wirft interessante Punkte zur Originalität und Tradition von Motiven und Geschichten auf.

„Gibt es ein vaterloses Buch, einen elternlosen Band auf dieser Welt? Ein Buch, das nicht von anderen Büchern abstammt? […] Aber kann andererseits die Tradition ohne Erneuerung überleben, ohne eine neue Gestaltung, ein neues Ergrünen einer ewigen Erzählung?“

Carlos Fuentes, Aura (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1999) S. 81.

  • Zum Autor

    Der mexikanische Romancier und Essayist Carlos Fuentes ist eine der zentralen Figuren des sogenannten „Boom“ in der lateinamerikanischen Literatur. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Romane Nichts als das Leben: Der Tod des Artemio Cruz (1962), Terra Nostra (1975, ausgezeichnet mit dem Romulo-Gallegos-Preis 1977) und Der alte Gringo (1985). 1987 wurde Fuentes für sein Lebenswerk mit dem Cervantes-Preis, dem wichtigsten Literatur-Preis der spanisch-sprachigen Welt, ausgezeichnet.

  • Bibliographisches

    Die Novelle Aura erschien im spanischen Original 1965, in deutscher Übersetzung von Christa Wegen erstmalig 1966.
    Der englisch-sprachige Essay wurde 1988 im Band Myself with Others veröffentlicht, die deutsche Übersetzung von Barbara von Bechtolsheim erschien erstmalig 1989.

    Carlos Fuentes
    Aura. Novelle & Essay
    Übersetzt von Christa Wegen, Barbara Frfr. von Bechtolsheim
    Fischer Taschenbuch Verlag, Taschenbuch, 94 Seiten
    ISBN: 978-3-596-13988-0
    Erschienen: 1999
    EUR 10,90

    Nähere Informationen zu dieser Ausgabe gibt es auf der Website des Fischer Verlags.

Vince

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.