Alejo Carpentier, Das Reich von dieser Welt

Buchumschlag: Alejo Carpentier, Die Romane (Suhrkamp 2011)

Der Roman Das Reich von dieser Welt des Kubaners Alejo Carpentier, veröffentlicht im Jahr 1949, ist einer der absoluten Klassiker der lateinamerikanischen Literatur und einer der Vorreiter des magischen Realismus. Ohne Carpentiers Novelle über den Sklaven Ti Noel in den Wirren der haitianischen Revolution und der folgenden Zeit der Republik wären die späteren Werke von Gabriel García Márquez oder Isabel Allende kaum denkbar.

Zum Inhalt: Die Geschichte des Ti Noel

Das Reich von dieser Welt ist die Geschichte vom Sklaven Ti Noel, der im späten 18. Jahrhundert auf Haiti lebt. Zugleich ist es die Geschichte des haitianischen Sklavenaufstands und der weltweit ersten von Schwarzen geführten Republik, einem interessanten, aber eher unbekannten Kapitel der Weltgeschichte. Doch dazu später mehr.

Haiti vor der Revolution

Der erste Abschnitt des Buches schildert Ti Noels Leben auf der Plantage seines Herren Lenormand de Mezy vor der Revolution. Ti Noel ist fasziniert von Mackandal, einem weiteren Sklaven des Herren de Mezy, und den Geschichten, die er ihm über Afrika und dessen mythische Könige und Götter erzählt. Nach einem Arbeitsunfall entdeckt Mackandal die magischen Eigenschaften verschiedener Kräuter und Pilze und beginnt mit diesen Pflanzen zu experimentieren. Nach einiger Zeit flieht Mackandal und beginnt, den Widerstand gegen die französischen Herren zu planen. Mit der Hilfe der Sklaven von verschiedenen Plantagen, unter ihnen auch Ti Noel, lässt er die Viehherden der Region vergiften und löst damit eine Epidemie aus, die sich nicht hinter Albert Camus‘ Pest zu verstecken braucht. Schlussendlich wird Mackandal von den Franzosen gefangen und hingerichtet. Doch Ti Noel und die anderen Sklaven sind überzeugt, dass sein Geist in Tiergestalt überlebt hat und Mackandal wiederkehren wird.

Kupferstich: Massaker beim Aufstand in Haiti 1791

1791 kam es auf Haiti zum blutigen Sklavenaufstand
Aus: A. Hugo, France Militaire, Histoire des Armées Françaises (Paris 1833)
Wikimedia Commons

In Abschnitt Zwei kommt es – ausgelöst von den Nachrichten über die Revolution in Frankreich – zu einem ersten Sklavenaufstand unter Führung des Jamaikaners Bouckman, der allerdings vorerst blutig niedergeschlagen wird. Von den politischen Unruhen verängstigt reist Lenormand de Mezy mit Ti Noel und einigen weiteren Sklaven nach Kuba, wo er sein gesamtes Hab und Gut verspielt und versäuft.

Zurück auf Haiti: Die Herrschaft des Henri Christophe

In Abschnitt Drei schafft es Ti Noel, sich von seinem neuen Besitzer freizukaufen und zurück nach Haiti zu reisen. Dort ist inzwischen der ehemalige Sklave Henri Christophe an der Macht, denn der Aufstand war schlussendlich doch erfolgreich verlaufen. Nach dem Vorbild der absolutistischen Herrscher Frankreichs lebt Henri Christophe mit allem Luxus in seinem eigenen Nachbau des Sans-Souci-Palastes in Potsdam. Von Henri Christophe erneut versklavt und gezwungen, am Bau seiner Festung Leferrière mitzuwirken, realisiert Ti Noel schnell, dass die Revolution nicht die erhoffte Befreiung gebracht hat. Die Herren sind jetzt schwarz, aber an der Situation der Sklaven hat sich wenig geändert. Als die Sklaven erneut rebellieren, nimmt sich Henri Christoph in die Enge getrieben das Leben.

Zitadelle Laferrière nahe Milot (Haiti)

Am Bau der Zitadelle Laferrière war auch Ti Noel beteiligt.
Fotograf: SPC Gibran Torres, United States Army
Lizenz: Public Domain, Wikimedia Commons

Im vierten und letzten Abschnitt des Romans zieht sichTi Noel in die Ruinen der ehemaligen Plantage von Lenormand de Mezy zurück und beginnt dort zu leben. Ohne eine weitere Menschenseele, aber umgeben von Geistern, führt er ein fröhliches Leben voller Zeremonien und Feierlichkeiten und lernt mit der Zeit, Tiergestalten anzunehmen – wie sein großes Vorbild Mackandal. Doch die Welt der Tiere stellt sich als ebenso unfrei heraus wie die der Menschen.

Meine Gedanken zum Buch

Auch wenn „Das Reich von dieser Welt“ kaum mehr als 100 Seiten lang ist, ist es kaum möglich, ihm mit einer nur wenige Absätze umfassenden Inhaltsangabe gerecht zu werden. Zu sehr setzt sich die Handlung aus detailreich beschriebenen Einzelszenen zusammen, die ohne Rücksicht auf Sprünge in der Zeit oder den Wechsel der Perspektive aneinandergereiht werden. Doch dies ist keineswegs negativ zu sehen, auch wenn sich dem Leser manches nicht auf Anhieb erschließt. Viel mehr nimmt diese avantgardistische Erzähltechnik in gewisser Weise die Stilistik eines Gabriel García Marquez vorweg. Alejo Carpentiers Einfluss auf dessen Meisterwerk 100 Jahre Einsamkeit ist kaum zu übersehen, nicht nur in Bezug auf die Erzählstruktur.

Mit der Verbindung von geschichtlicher Wirklichkeit und der Magie des Voodoo in Das Reich von dieser Welt hat Alejo Carpentier den Grundstein gelegt für den magischen Realismus, der die lateinamerikanische Literatur für Jahrzehnte prägen und zu Weltruhm bringen sollte. Im Prolog zu Das Reich von dieser Welt hat er diesen Ansatz überdies als „das wunderbar Wirkliche“ auch theoretisch unterlegt.

Abschließend bleibt zu sagen, dass dieser kurze Roman nicht nur von überragender Bedeutung für die Entwicklung der lateinamerikanischen Literatur ist. Es ist auch ein absoluter Genuss, ihn zu lesen, und angesichts der Kürze auch gut in einen vollgestopften Alltag zu integrieren. Ich kann es nur aus vollstem Herzen empfehlen.

  • Zum Autor

    Der Kubaner Alejo Carpentier (* 1904, † 1980) war Schriftsteller und Musikwissenschaftler. Durch seine moderne Erzähltechnik und die Verwendung übernatürlicher Elemente in seinen Romanen war einer der Wegbereiter des „Boom“ in der lateinamerikanischen Literatur. Neben Das Reich von dieser Welt (1949) zählen Die verlorenen Spuren (1953) und Explosion in der Kathedrale (1964) zu seinen wichtigsten Werken. 1977 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Cervantespreis ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis der spanisch-sprachigen Welt

  • Bibliographisches

    Im Original 1949 als El reino de este mundo veröffentlicht, die deutsche Übersetzung von Doris Deinhard erschien im Jahr 1964.

    Die ursprüngliche deutsche Ausgabe in der Reihe Bibliothek Suhrkamp ist schon länger vergriffen. Suhrkamp hat jedoch 2011 einen monumentalen Sammelband mit den wichtigsten Romanen Alejo Carpentiers veröffentlicht. Darin ist auch Das Reich von dieser Welt zu finden, und zwar mitsamt Prolog (dieser fehlte leider in den früheren Ausgaben). Wer den Roman lieber in einem handlicheren Format haben möchte, muss sein Glück auf dem antiquarischen Markt versuchen.

    Alejo Carpentier
    Die Romane
    Taschenbuch, 1735 Seiten
    ISBN: 978-3-518-42216-8
    Erschienen: 25.07.2011
    EUR 35,00

    Nähere Informationen zu dieser Ausgabe gibt es auf der Website des Suhrkamp Verlags.

Vince

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